"was suchst du auf der Uni wenn du
nicht lesen und schreiben kannst?"
Legasthenie bei Studierenden ist in Österreich ein Tabuthema.
Wer trotz Lese-Rechtschreibstörung studieren will, begibt sich
in einen harten Kampf mit dem Bildungssystem.
„Als Kind darf man Fehler machen, aber als Erwachsener nicht.
Wer Fehler macht ist austauschbar.“
Sandra malte in der Volksschule Äpfelchenstiele an. Die nach
links zeigen blau, die nach rechts zeigen rot. Leider half ihr das
damals nicht viel. Äpfelchen anmalen konnte sie ja, da hatte
sie doch keine Probleme! Nur Dank ihrer Mutter habe sie damals Lesen
gelernt, erzählt sie heute. Und dass sie die Matura geschafft
hat, verdankt sie ihrem guten sprachlichen Ausdrucksvermögen,
mit dem sie auf 8 Seiten ihre vielen Rechtschreibfehler wettmachen
konnte. Jetzt studiert sie Psychologie. Das Studium ist für
sie jedoch häufig eine Qual. Viele tausende von Seiten müssen
für Prüfungen gelesen, viele Prüfungen und Arbeiten
geschrieben werden. Als große Belastung kommt für Betroffene
die Einstellung der Professoren und Mitstudierenden hinzu. Lena
erzählt mir am Telefon: „In der Prüfungseinsicht
wurde mir die Prüfung vor die Nase gehalten und oben drauf
stand fett und rot: RECHTSCHREIBUNG. Mir wurde dann ein langer Vortrag
darüber gehalten, wie ich mit einer solchen Rechtschreibung
überhaupt studieren kann.“ Lena studiert Psychologie,
Philosophie und Sport auf Lehramt. Auf ihre Anfrage hin, ob sie
die Prüfung auch mündlich machen könne wurde ihr
gesagt, dass ja auch ausländische Studierende dieses Recht
nicht hätten.
Von einer Lese-Rechtschreibstörung sind ca. 8% der Bevölkerung
betroffen. Eine Umfrage des Deutschen Studentenwerkes kam auf 1%
aller Studierenden in Deutschland. In Österreich gibt es keinerlei
Studien.
Durch die Schwäche ist natürlich das Selbstwertgefühl
sehr angeknackst. „Die halten mich für blöd“,
erzählt Sandra, „und manchmal halte ich mich schon selbst
für blöd. Ich frage mich dann: Bin ich wirklich zu blöd
für das Studium?“ Sandra studiert im 7. Semester. Durch
die Legasthenie lernt sie langsamer als andere. Dies ist eine Auswirkung
der Leseschwäche. Durch das langsame Lernen und nebenbei arbeiten
ist sie über die Mindeststudienzeit gekommen. Nun bekommt sie
gar keine Zuschüsse mehr. Der Teufelskreis „Studieren
und Arbeiten“ verstärkt sich durch die dazukommende Lese-Rechtschreibstörung.
Nicht nur einmal hat Sandra daran gedacht ihr Studium hinzuschmeißen.
Menschen mit Lese-Rechtschreibstörung haben zwar Schwierigkeiten
beim Aufnehmen und/oder Verfassen von Texten, diese haben jedoch
keinen Zusammenhang mit den intellektuellen Leistungen der betroffenen
Studierenden. Die Definition im ICD-10 legt fest, dass Legasthenikerinnen
mindestens einen normalen IQ aufweisen müssen. Oft haben Betroffene
einen überdurchschnittlichen IQ. LegasthenikerInnen können
oft besondere Stärken aufweisen: Gute Fähigkeiten Probleme
zu lösen, Ideen zu entwickeln und zu argumentieren oder auch
besondere künstlerische Neigungen (man nehme Walt Disney).
Oft sind sie auf naturwissenschaftlichen Gebieten besonders gut
(man nehme Albert Einstein).
In Deutschland (Bayern) stehen Betroffenen Studierenden individuelle
Nachteilsausgleiche zu. Beispielweise kann eine Zeitverlängerung
bei schriftlichen Prüfungen oder Diplom-, Examens- und Seminararbeiten
gegeben werden. Bei schriftlichen Prüfungen kann die Benutzung
eines Computers mit Rechtschreibprüfung oder die Umwandlung
in eine mündliche Prüfung ebenfalls als Nachteilsausgleich
dienen. In Österreich können Studierende von all dem nur
träumen. Nach der hart erkämpfen Matura geht der Kampf
im Studium weiter, wenngleich auch schlechte Rechtschreibleistungen
mit dem gewünschten Beruf nicht kollidieren würden. Als
Beispiel seien Bill Hewlett (Mitbegründer von Hewlett Packard),
Thomas Edison (Erfinder der Glühlampe) und Lord Richard Rogers
(Architekt Centre Georges Pompidou, Europäischer Gerichtshof
für Menschenrechte in Straßburg) genannt. Zwar gibt es
einen „Legasthenieerlass“ der jedoch nur in Schulen
gilt. Er ist kein Gesetz, sondern lediglich eine Richtlinie an die
sich Lehrer halten können, aber nicht müssen.
Ganz anders sieht es in England aus. Tina ist Legasthenikerin,
sie ist Psychologin und sie hat in England studiert. Sie erzählt:
„Der größte Unterschied ist, dass Legasthenie an
Unis in England kein Tabuthema ist. Man wird nicht ausgelacht oder
für dumm gehalten, wenn man zugibt Legasthenie zu haben. Niemand
stichelt, weil man von der Uni Förderungen erhält. Es
ist einfach so. Die Studierenden und Professoren wissen, dass Legasthenie
eine Schwäche ist, und dass Förderung hilfreich und notwenig
ist.“. Betroffene Studierende bekommen neben technischer Unterstützung
(einen Laptop mit Rechtschreibprogramm, Diktiergeräte zum Aufnehmen
der Vorlesungen, Internatanschluss zu Hause) auch einen „personal
tutor“. Sie haben längere Zeit bei Examen und dürfen
Prüfungen am Computer tippen. An jeder Uni gibt es eine offizielle
Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden können und diagnostiziert
und unterstützt wird. All dies fehlt an Österreichischen
Universitäten komplett. Studierende mit Legasthenie sind auf
sich alleine gestellt und diejenigen wenigen, die die Matura geschafft
haben, scheitern häufig an der Grausamkeit des weiteren Bildungssystems.
Wer mehr über das Thema wissen möchte kann die Sondersendung „Erwachsene mit Legasthenie“ auf Radio Orange 94.0
im Downloadbereich der Homepage kostenlos herunterladen.