Allgemeine Informationen zum Thema Legasthenie

"Legasthenie" ist ein Begriff der sehr vielfältig verwendet wird und unter dem jeder etwas anderes versteht:
    - Leseschwäche
    - Lesestörung
    - Lese-Rechtschreibschwäche
    - Lese-Rechtschreibstörung
    - nur Rechtschreibstörung
    - Raumlageprobleme
    - Teilleistungsschwierigkeiten
    - Gedächtnisprobleme
    - Sehprobleme
Oder alles zusammen.

Da "Legasthenie" ein Begriff ist, der undefiniert ist, ist er mit einer gewissen Vorsicht zu behandeln. Besser wäre es, anstelle von "Legasthenie" von der "Lese-Rechtschreibstörung" (LRS) zu sprechen. Von einer Lese-Rechtschreibstörung sind ca. 8% der Bevölkerung betroffen.
Die Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) ist eine umschriebene Entwicklungsstörung nach ICD-10. Das ICD-10 ("Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme") wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt und gilt international.
Mehr Informationen unter
http://de.wikipedia.org/wiki/ICD-10
http://www.medaustria.at/f_icd10.html

Definition
Das Hauptmerkmal der Lese-Rechtschreibstörung (LRS) ist eine umschriebene und bedeutsame Beeinträchtigung in der Entwicklung der Lese- und/oder Rechtschreibfertigkeiten, die nicht allein durch das Entwicklungsalter, Seh- oder Hör-Probleme oder unangemessene Beschulung erklärbar ist.
Ein von LRS Betroffener liegt in seinen Lese- und/oder Rechtschreibleistungen deutlich unter den Leistungen, die man durch seine intellektuellen Fähigkeiten erwarten würde.

Anzeichen
Das Leseverständnis, die Fähigkeit, gelesene Worte wieder zu erkennen, vorzulesen und Leistungen, für welche Lesefähigkeit nötig ist, sowie die Fähigkeiten, mündlich zu buchstabieren und/oder Wörter korrekt zu schreiben, können betroffen sein.
Umschriebenen Entwicklungsstörungen des Lesens und Schreibens gehen Entwicklungsstörungen des Sprechens oder der Sprache voraus.
Mögliche Anzeichen können sein:

    - langsames, holpriges Lesen
    - geringes Leseverständnis
    - viele Fehler beim Vorlesen
    - Schwierigkeiten beim Erlernen der Buchstaben
    - überdurchschnittlich viele Fehler beim Rechtschreiben
    - Wörter werden immer wieder falsch geschrieben

Lese-Rechtschreibstörung vs. Lese-Rechtschreibschwäche
Im Unterschied zur Lese-Rechtschreibstörung lässt sich die Lese-Rechtschreibschwäche auch durch zu geringe Beschulung, falsche Lerntechniken und psychischen Kummer (zum Beispiel Tod eines nahen Verwandten oder Trennung der Eltern) erklären. Hier hilft normale Deutsch-Nachhilfe, um die Defizite nachzulernen. Die Therapie bei der Lese-Rechtschreibstörung ist wesentlich komplexer.

Ursachen
Die Ursachen für die Lese-Rechtschreibstörung sind noch nicht fertig erforscht worden. Dadurch gibt es vielerlei Annahmen, wo die Wurzeln des Übels vermutet werden.
Heute wird jedoch international hinter der LRS eine Lautverarbeitungsstörung angenommen, die Ursache also in der Verarbeitung der Laute unserer Sprache im Gehirn gesehen.
Durch die neuen Methoden der genetischen Forschung sind mögliche Gen-Orte, die wahrscheinlich für die Entstehung der LRS relevant sind, gefunden worden.
Das Zusammenwirken verschiedener Faktoren (genetischer, familiärer, sozialer) erscheint zur Zeit ein plausibles Erklärungsmodell für die LRS zu sein.


Folgen
Wird die Lese-Rechtschreibstörung nicht erkannt oder nicht bzw. falsch behandelt, so wirken sich die anfänglichen Probleme im Lesen und/oder Schreiben in weiterer Folge auch auf andere Lerngebiete aus, und es kommt zum "Teufelskreis Legasthenie".
Begleitende Störungen im emotionalen und Verhaltensbereich sind häufig.
Wird die Störung nicht oder falsch behandelt besteht sie weiter bis ins Jugend- und Erwachsenenalter.
Eine unberücksichtigte, unbehandelte oder nicht fachgerecht behandelte Legasthenie führt in der Regel zur Ausweitung des Versagens in der Schule auf andere Lernbereiche.
Die Motivation und Freude zur Schule zu gehen schwindet und auch anderen Symptome, wie geringes Selbstwertgefühl, Schulangst, Versagensangst, Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu psychosomatischen Symptomen (Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Zittern,…) können entstehen.
Die Fähigkeiten von Schülern mit Legasthenie werden ihrer Rechtschreibung wegen häufig unterschätzt, so dass es zu Fehlentscheidungen über Schullaufbahnen kommt.

Die Arbeitslosenrate unter Menschen mit Legasthenie ist höher.
Nach einer Studie der Universität Mannheim lag die Arbeitslosenquote bei 25jährigen Legasthenikern bei 26 Prozent, in der Kontrollgruppe bei nur vier Prozent.
Oft hat man als Erwachsener nur Chancen auf einen Job, wenn man die Legasthenie verheimlicht. Dies jedoch führt dazu, dass unendlich viel Energie auf die Vertuschung der Problematik einfließt. Somit vermindert sich die Arbeitsleistung, dies wiederum führt zu Problemen mit Vorgesetzen.
So rutschen viele Betroffene in einen "Teufelskreis" aus Arbeitslosigkeit und ständiger Jobsuche. Wobei das Niveau der Arbeit aufgrund von mangelndem Selbstwertgefühl immer niedriger wird.

Nach dem Würzburger Universitätsprofessor Timo Grimm entwickeln 40% der Menschen deren Legasthenie nicht adäquat behandelt wurde in der Folge psychische Störungen, die Delinquenzrate (Kriminellenrate: Diebstahl, Raub, Nötigung, Drogensucht) beträgt 24%.

Qualität in der Legastheniediagnose und Therapie ist daher ein wichtiger menschlicher und auch gesellschaftlicher Faktor!